Gesund 2

Autor: Herbert Jerrentrup sen. Hamburg

Körper, Geist und Phänomen

eigene Erfahrungen

 


Mein Asthma

 

Heute weiß ich, dass jeder Betroffene sein Asthma hat.

Im Nov. 1997 war Asthma für mich gar kein Thema. Es war eine Krankheit alter Menschen, und so fuhr ich fröhlich und guter Dinge zur Hochzeitsfeier einer Kollegin.

150 Gäste waren geladen, und für die Raucher war vorgesorgt. Zigaretten lagen auf den Tischen, und jeder Raucher fühlte sich verpflichtet, alles wegzuqualmen, und ich war mittendrin.

Meine Augen brannten, und meine Nase machte sich juckend bemerkbar. Was sollte ich tun? Auf mein Zimmer gehen oder bleiben? Ich blieb und erfrischte mein Gesicht sehr oft mit kaltem Wasser, um mir Linderung zu verschaffen.

So schön der Abend auch gewesen ist, aber mir ist es gesundheitlich nicht gut ergangen. Am nächsten Tag war die Frage: "Arzt aufsuchen oder ein Mittel aus der Apotheke holen?"

Ich entschied mich für die Apotheke, denn ich wollte doch eine Woche durch die neuen Bundesländer fahren und viele Besuche abstatten, denn die Mauer war 8 Jahre zuvor gefallen.

Das Mittel aus der Apotheke half mir aber nicht so wie erhofft, mir ging es immer schlechter, und so kam ich schon zwei Tage früher wieder nach Hause. Ich schaffte es noch, meine Sachen aus dem Auto zu holen und im Haus abzustellen. In diesem Moment bekam ich eine Husten/Niesattacke und eine Verkrampfung, aus der ich nicht wieder herausgekommen war. Wie ein Fisch jappend, konnte ich nur noch im Halsbereich nach Luft schnappen.

Meine Frau und unsere älteste Tochter sorgten sofort für einen Krankenhausaufenthalt.
Dort bekam ich eine krampflösende Spritze und wollte mich gleich wieder verabschieden. Der Arzt riet mir allerdings zu bleiben, denn die Ursache müsse erst gefunden werden.

Warum sollte ich bleiben, mir ging es doch wieder gut --- dann blieb ich aber doch und erlebte nächtliche Attacken.

Nach einer Woche verließ ich das Krankenhaus mit einer Medikamentennotration und einem Diagnoseschreiben für meine Ärztin bzw. Facharzt. Unverzüglich suchte ich meine Ärztin auf, die mich zu einem Lungen-Facharzt überwies.

Dort begann Begrüßung und Kurzgespräch. Dann folgte ein Allergietest, und danach saß ich in einem Glaskasten und pustete den kleinen Zeiger die Skala rauf und runter.

"Alles deutet auf Asthma hin" meinte der Arzt; aber meine positiven Lungenwerte waren untypisch für einen Asthmatiker; und so bekam ich für die nächsten Tage eine Regelunterweisung und neue Medikamente.

Mein Gesundheitszustand schwankte.

Lag es an den Medikamenten oder wirklich an mir?

Ich erkannte mich nicht mehr wieder. Tagsüber ging es mir besser, und über einige Nächte schweige ich lieber. Ich wechselte damals zum Schlafen in ein anderes Zimmer; denn diese Attacken konnte ich meiner Frau nicht zumuten.

"Immer voran", war meine Devise, und so ging ich einen ganz kleinen Hügel von 20 Metern hinauf. Die Luft wurde knapper, und oben saß ich dann auf einer Bank und kam einfach nicht mehr weiter. Ich saß da wie ein Häuflein Elend. Mein Rücken und meine Schulter schmerzte von den übermäßig vielen Hustenattacken, und ich überlegte, ob das nun mein Leben gewesen sein soll?

War ich wirklich schon 90 Jahre alt?

Irgendwie schaffte ich es aber doch, nach langer Erholungsphase, allein nach Hause zu gehen.

Am nächsten Tag berichtete ich meiner Ärztin von diesem Vorfall, woraufhin sie dann eine Pensionierung einleiten wollte, und ich nickte völlig kraftlos.

Doch was war das? Lag es an dem neuen Medikament, an der Luft oder an mir? Ich hatte wieder Luft atmen können.

Eine Woche später lehnte ich die vorzeitige Pensionierung ab. Ich wollte es doch noch einmal versuchen, und es war gut so, denn wäre ich als Kranker vorzeitig pensioniert worden, hätte ich mich schwerlich wieder davon befreien können.

Und so wurde ich kurzerhand nach St. Peter Ording verschickt und erlebte mein Asthma.

In Gesprächsrunden tauschten wir unsere Erfahrungen aus.

Die Asthmakrankheit annehmen und mit dem eigenen Asthma zu leben, war die erste aber schwierige Erkenntnis.

Ich lernte auch den sogenannten "Asthmatopf" kennen, der mit Streß, Kummer, Allergien, Tabakqualm, Ozon, chemischen Reaktionen usw. vollaufen kann, kennen. Wenn dieser Asthmatopf zum Überlaufen gebracht wird, kann die Asthmareaktion bis hin zur Panik ausarten.

Asthma zu erkennen, damit zu leben, und die Attacken weitgehend zu vermeiden, ist nicht so einfach --- aber möglich.

In dem Kur-Hallen-Salzwasser-Schwimmbecken war meine Atmung wieder frei, und ich konnte die Treppe bis oben ohne Unterbrechung gehen, ja sogar laufen und das Ergometer-Rad fahren. Die Schmerzen im Rückenbereich der Lunge ließen nach, und meine steife Schulter schien sich auch zu bessern.

Draußen schien die Sonne, und der Arzt riet mir, am Nordseewasser spazieren zu gehen.

Während ich so spazierte und mich mit meiner Kurbegleitung unterhielt, merkte ich, dass es mir nicht mehr so gut ging wie im Klinikgebäude. Die Atmung und das Sprechen fiel mir immer schwerer.

Was ist das denn nun? Mir lief ein "Asthma-Fachmann", der seine Sauerstoffflasche an einem Wagen vor sich herschob, über den Weg. Auf mein Erlebnis angesprochen, meinte er nur: "Das ist Ozon". Wir Asthmatiker merken dies noch bevor darüber in den Medien berichtet wird.

Bei der nächsten Visite merkte ich, dass die Ärzte das Asthma in mir übergehen wollten.
Der Kurerfolg mit meiner steifen Schulter war wichtiger, denn da schien sich eine Besserung einzustellen, und so kam die Abschlussuntersuchung. Ich wurde abgehorcht, der Chefarzt wurde unterrichtet, und ich wurde noch nicht entlassen.

Zwei Wochen Verlängerung und alles begann von Neuem, denn die "Musikgeräusche" in meinen Atemwegen waren auch ohne Stethoskop zu hören. So bekam ich noch ein atemwegerweiterndes Mittel verordnet, das ich zusätzlich einatmen muß.

Eine Linderung trat ein, ich hatte in den Gesprächsrunden über Asthma viel gelernt und lebe nun mit meinem Asthma.

Ich schaffte es auch, nicht als Kranker vorzeitig pensioniert zu werden und ganz normal am 31. Dez. 1999 in den Ruhestand zu gehen.

Wenn ich draußen Ozon spüre, gehe ich rein. Dem Qualm der Raucher halte ich mich, so gut es geht, fern. Parfum-Gerüchen weiche ich aus. Meine Räume habe ich asthmafreundlich hergerichtet. In meinem Auto kann ich die Luftzufuhr schließen. Leichte Turnübungen, Radfahren und Spaziergänge und regelmäßiges "Püstern" meiner Medikamente, die ich auf die Hälfte reduzieren konnte, lassen mein Leben ertragen.

Lassen Sie sich doch als Schwerbehindert registrieren, dann können Sie ihre teuren Medikamente absetzen, hatte mir jemand geraten.

Ich und schwerbehindert?

Im Bewusstsein, dass mich die Attacken wieder mal ereilen, lebe ich mit meinem Asthma und bin dennoch gesund.

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Eine Lebensweisheit, die sich meine Mutter mit 85 Jahren aufgeschrieben hatte.

Hast Du heute einen Schmerz,
freue Dich mein kleines Herz.
--- Morgen kommt ein Neuer.

 

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