Gesund 5

Autor: Herbert Jerrentrup sen. Hamburg

Körper, Geist und Phänomen

eigene Erfahrungen

 

 

Steife Schulter

 

3 bis 4 Wochen noch, und ich wollte/sollte in eine Sportkur fahren.

Das passt ja gut, dann kuriere ich meine Schmerzen im Schultergelenk gleich mit aus und kann meinen Arm wieder schmerzfrei bewegen, dachte ich.

Urplötzlich hatte ich Schmerzen in meiner rechten Schulter. So konnte ich keine ruckartigen Bewegungen ausführen, und es gelang mir nicht mehr, mein Portemonnaie mit der rechten Hand in die rechte Gesäßtasche zu stecken oder es herauszuholen. Beim Autofahren konnte ich das Lenkrad auch nur im unteren Bereich bis in die mittlere Höhe anfassen.

Ruckzuck hatte sich mein Körper auf diese Situation eingestellt. Ich stellte meine rechte Seite ruhig, denn dann hatte ich keine Schmerzen, und machte vieles mit der linken Hand. Ich griff mit links in meine rechte Gesäßtasche und kam so an mein Portemonnaie. Dieses Manko war kaum jemandem aufgefallen.

Ich war ja nicht mehr im Außendienst, und so legte ich zu Dienstbeginn meinen rechten Unterarm auf meinen Tisch. Meine Tätigkeiten erledigte ich fast alle mit der linken Hand. Meinen langen Namenszug schrieb ich bis zu Hälfte und schob dann meinen rechten Unterarm etwas weiter, um meinen Namenszug dann zu beenden.

Ach, meine Haare konnte ich auch nicht kämmen, wie ich es gewohnt gewesen bin. Ich kam doch mit den Händen nicht so hoch. Not macht erfinderisch, und so beugte ich meinen Kopf bis zu den Knieen, um mich dann zu kämmen.

Nach der Wartezeit fuhr ich dann los. In meinen Kurort wurde ich bei dem Kurarzt vorstellig und machte ihn auf meine Schulterbeschwerden aufmerksam.

"Dann heben Sie Ihren rechten Arm zur Seite", meinte er, und ich bekam den Arm etwa 30° hoch. "Was wollen Sie denn hier? Zu unserer Sportkur kommen nur gesunde Anwender", entfuhr es ihm.

Ich blieb aber dort, denn mein Ziel war, in dieser sogenannten Sport- und Fitneskur, nach vier Wochen wieder fit zu sein, zumal mir das Schwimmbecken täglich zur Verfügung stand. Eine Sprossenwand (Hauptsportgerät für meine steife Schulter) gab es auch, und Sportmediziner und Therapeuten konnten sich um mich kümmern.

Jede Gelegenheit nutzen, und den Arm aus dem Schultergelenk ziehen, wurde mir geraten. Der Therapeut setzte u. a. seinen Fuß in meine Achselhöhle und versuchte den Arm aus dem Schultergelenk zu ziehen und nach oben zu bekommen. Er war schweißgebadet und mir liefen die Tränen vor Schmerz.

Mir wurde eine Hantel übergeben, die ich zur Unterstützung in meiner Sporttasche tragen sollte, um mit ruckartigen Bewegungen zum Ziel zu kommen.

Es war schon recht kalt geworden, und die anderen Kurer zogen sich schon warm an. Ich hingegen hüpfte mit meiner Hantelsporttasche von einer Anwendung zur anderen und war schweißgebadet.

Morgens war ich der erste im Wasser und schwamm 1000 m. Meine Arme brachte ich in Bauch- oder Rückenlage mit jedem Zug so weit wie möglich in die Seitenbewegung. Nach 1000 m raus aus dem Wasser und wieder hüpfend mit Hanteltasche zurück, denn das Frühstück wartete.

Schnell noch den Türgriff anfassen, um den Arm aus der Schulter zu ziehen und dabei um die eigene Achse drehen, sowie gleichzeitig Kniebeugen zu machen. Es war nicht nur eine Kniebeuge. Nein, denn ich war ganz auf dem Boden gelandet; weil der Türdrücker nachgegeben hatte, und die Tür nach innen aufgegangen war. Ich Trottel hatte vergessen sie abzuschließen.

Durch Schaden wird man klug, und ich wurde noch aufmerksamer und ersann immer neue Zugmöglichkeiten für meine Schulter. Selbst die Sprossenwand mochte mich nicht mehr leiden, denn ich kam ja täglich zweimal wieder.

Da kommt der "Verrückte", dachten viele Mitkurer, aber ich war nicht verrückt, ich hatte "nur" eine steife Schulter.

Nach dem Frühstück ging es dann wieder hüpfend zur nächsten Anwendung und die Entfernungen waren immer im Kilometerbereich. Kurpark rauf und Kurpark runter, und mir rann der Schweiß.

Nach 4 Wochen bekam ich meinen rechten Arm fast bis auf 90°. Mehr war in der Kürze der Zeit wirklich nicht zu erreichen.

Zu Hause musste ich mich meiner Ärztin anvertrauen, denn ich hatte mich ja diesbezüglich nicht krank schreiben lassen. Weitere therapeutische Unterstützung war dringend erforderlich. Alle möglichen Untersuchungen und Behandlungen folgten, und der eigentliche Facharzt machte mir keine Hoffnung. Für Ihn war die Schulter steif.

Nur meine Ärztin machte mir Mut. Sie meinte aber, dass es sehr lange dauern könne.

Aus den gedachten 4 Wochen wurden fast 2 Jahre, aber irgendwann konnte ich meine Geldbörse wieder mit der rechten Hand aus der rechten Gesäßtasche ziehen, und meinen Enkeln auf dem Spielplatz einen Aufschwung an einer Reckstange vorführen.

"Opa, woher kannst du denn so etwas?"

Ich wieder oben auf, richtig stolz, zufrieden und dankbar.

Ein Jahr hatte ich Ruhe und dann meldete sich meine linke Schulter. Meine kleinen grauen Zellen kannten die Strapazen noch ganz genau. Meine Ärztin war schockiert. Ich musste sie aufrichten, und wir schafften es wieder, obwohl ein anderer Facharzt meine linke Schulter auch für steif erklärte und der Ansicht war, da sei nichts mehr zu machen.

Da ich aber sofort mit meinen Spezialübungen angefangen war, wieder therapeutische Hilfen bekommen hatte, dauerte es diesmal "nur" etwa 13 Monate.

Übrigens heute mag mich meine Sprossenwand, die ich mir zwischenzeitlich angeschafft hatte, wieder leiden. Wir geben uns fast täglich die Hand, damit es mir weiterhin gut geht.


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