Gesund 14

Autor: Herbert Jerrentrup sen. Hamburg

Körper, Geist und Phänomen

eigene Erfahrungen

 

 

Der Schiebestuhl

 

Ein feiner Unterschied zwischen Roll- und Schiebestuhl

 

 

Uroma Miezi ist 83 Jahre. Das Laufen ist ihr sehr beschwerlich geworden, und die Atmung war sehr wetterfühlig.

"Ach, laßt mich man zu Hause, mir tut mein Kreuz so weh", hörten wir sehr oft. So gesellten wir uns dann, bei Kaffee und Kuchen, zu ihr.

Miezi wurde unabhängig von einander, von all ihren vier Kindern, der Vorschlag gemacht, ihr einen Rollstuhl besorgen zu wollen.

"Was sollen denn die Leute denken", hatte sie ihren Kindern und Schwiegerkindern immer wieder gesagt. Also, eine klare Ablehnung!

In ihrer Wohnung konnte sie sich noch leidlich gut bewegen. Zwei nette Nachbarpartien sahen häufig nach dem Rechten. Sie waren neben den Kindern, die sich die Besuchstermine teilten, und dem Fernsehgerät, ihre einzige Geselligkeit. In dieser Form wurde auch die Einnahme der Tabletten geregelt.

Nebenbei wuchsen die Telefonrechnungen bei Miezi und ihren Kindern. So hatte Miezi auf diese Weise auch noch etwas Unterhaltung - aber immer nur in ihrer Wohnung.

Fahrten mit dem Auto mochte sie sehr gerne, und so lernte Miezi auch Tangermünde mit dem Auto kennen. Bei der letzten Fahrt stellte sich heraus, dass 50 Meter zu gehen, einfach zu viel für sich gewesen sind. Es blieben ihr viele schöne Ecken verborgen, weil man mit dem Auto nicht überall durchfahren oder parken durfte.

Ihre Sprüche hatte Miezi nie vergessen: "Das nächste Mal komme ich wieder mit nach Tangermünde." - "Aber zum Friedhof möchte ich auch noch mal wieder." Die Wünsche waren da, nur die Kraft fehlte, und jede Bank musste auf dem Friedhof für eine Erholungspause genutzt werden.

Selbst das Abstützen auf dem Gehwagen, brachte nicht die gewünschte ausreichende Erholung.

Und so ging der eine Schwiegersohn einfach in ein Fachgeschäft, um einen Rollstuhl zu kaufen. Es stellte sich heraus, daß Miezi einen Anspruch auf einen Rollstuhl mit Handbremsen für die Begleitperson hat.

Dafür mußte aber ein Antrag von Miezi gestellt werden.

Stini und Edgar hatten Miezis totale Hilflosigkeit mit ihrem Gehwagen erkannt. Die vier Kinder setzten sich zusammen.

Miezi hatte es noch immer abgelehnt, sie wollte sich nicht in einen Rollstuhl setzen.

Kurzerhand wurde der "Schiebestuhl" erfunden, denn ein Schiebestuhl ist doch etwas ganz was anderes als ein Rollstuhl ! ! ! Danach stand endlich die Unterschrift von Miezi auf dem Antrag.

Es dauerte nicht lange, und der Schiebestuhl war in Herberts Auto. Herbert hatte die Bedienungshandgriffe geübt, damit alles wie am Schnürchen klappen sollte.

Am 31. Jan. war es zwar kalt, aber die Sonne schien so schön in die Stube. Wir hatten uns schon vormittags zu Miezi begeben und genossen gemeinsam die Sonne durch das Fenster.

Das Gespräch wurde auf den Friedhof gelenkt, und Miezi war glücklich, das herrliche Wetter im Auto genießen zu können, um das Grab zu besuchen. Vor lauter Freude hatte sie ihre Kraftlosigkeit total vergessen.

Eine dreiviertel Stunde dauerte es, bis Miezi endlich startklar gewesen ist. Ihren Stock auf der einen Seite und auf der anderen Seite eingehakt, ging es 30 Meter bis ans Auto. Totale Erschöpfung – aber sie war froh, im Auto sitzen zu können - und die Sonne schien so wunderbar.

"Laßt uns erst zu Tochter Waltraud fahren, die will doch mit zum Friedhof." Wenn Miezi sich dort erst hingesetzt hätte, wäre sie nicht mehr für den Spaziergang auf dem Friedhof zu bewegen gewesen. Noch schien die Sonne, und so wurde das Auto wenig später am Friedhofseingang geparkt.

Miezi stieg aus dem Auto, stützte sich auf ihrem Stock ab und Helga hakte sich auf der anderen Seite ein.

Ruckzuck hatte Herbert den Schiebestuhl aus dem Kofferraum geholt und hinter Miezi geschoben.

Den Friedhof vor Augen meinte Miezi: "Das schaff ich nicht mehr."

"Dann setz dich doch hin", hörte sie eine Stimme hinter sich. Erstaunt sah sie sich um und ihr Blick erhellte, als sie sich in den rettenden Schiebestuhl setzen konnte.

Uroma Miezi saß endlich in ihrem Schiebestuhl und schon strahlte sie über’s ganzes Gesicht. Als sie dann noch mit der warmen Decke von Peter und Hanne vor der Kälte geschützt wurde, war sie einfach selig. Endlich konnte sie wieder „Regie“ am Grab führen.

Im Auto und in Wallis Wohnung schwärmte Miezi noch von dem Schiebestuhl.

Der Schiebestuhl war eingepackt, denn ein paar Tage später war das Wetter wieder trocken und die Sonne schien.

"Laß uns einen Spaziergang machen und die schöne Luft genießen", meinte Herbert. Miezi willigte ein, und es dauerte wieder weit über eine halbe Stunde, bis sie startklar gewesen ist.

In der einen Hand ihren Stock, und am anderen Arm gestützt war Miezi mutig: "Ich setze mich aber nicht vor der Haustür in den Rollstuhl", war Miezis Reaktion, während der Fahrstuhl abwärts fuhr.

Abwarten – kaum ging die Fahrstuhltür auf, stand da schon der Schiebestuhl, und mit der schön warmen Decke von Peter und Hanne erfreuten sich drei Personen während des Spazierganges an dem wunderbaren Sonnenschein.

Ganz wie früher lud Miezi noch zu einer Tasse Kaffee vor dem Eis-Cafe um die Ecke ein, und der Schiebestuhl war vergessen.

Die Tasse Kaffee reichte nicht mehr, die Lebensgeister zu erhalten. Die Kräfte schwanden immer mehr trotz des Schiebestuhls. Tangermünde war nur noch im Gespräch, bis schließlich auch das Gespräch ausblieb.

Der Schiebestuhl wurde nicht mehr gebraucht, aber er spielte Wochen später im Traum noch eine Rolle. - - -

Miezi saß in ihrem Schiebestuhl und wurde in Tangermünde durch die Hünerdorfer Straße geschoben, als Herbert in Höhe Zollensteig sagte: „Von hier aus ist die Kirchturmspitze auch zu sehen.“ „Zeig mal“ und der Schiebestuhl mit Miezi wurde so gedreht, dass sie in die Richtung sehen konnte. „ - Schön - “, meinte Miezi strahlte Herbert an, und der Traum war zu Ende.

Aber Miezi ist noch in vielen Gesprächen anwesend....

 

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