Sterbehilfe 01

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Humanes Sterben oder Sterbehilfe

 

Humanes Sterben oder Sterbehilfe geht uns alle an...

Noch lebst Du.

Noch kannst Du Dir Deine Gedanken machen.

Noch kannst Du Deine Gedanken wie ein Testament zu Papier bringen.

Noch kannst Du unsere Politiker zu einer Gesetzesänderung zwingen, aber mit Deinem Schweigen erreichst Du nichts.

 

Seit Professor Hackethal mit seiner aktiven Sterbebegleitung / Sterbehilfe mit diesem Thema über die Medien an die Öffentlichkeit getreten war, beschäftigt mich das Deutsche Tabuthema: Die passive oder aktive Sterbehilfe

Professor Hackethal lebt leider nicht mehr.

Vor einem Jahr trat in Hamburg der Justizsenator, Roger Kusch, auch mit dieser Problematik an die Öffentlichkeit.

Und von mir wurde, zu seiner Unterstützung, folgender Leserbrief in der Bergedorfer Zeitung veröffentlicht:

Leserbrief: zum Thema Sterbehilfe, Bergedorf, 19. Okt. 2005


Endlich veröffentlicht ein Politiker seine Gedanken zu dem Thema Sterbehilfe. Er greift damit das Deutsche „Tabu-Thema“ auf und wird von Politikern und Institutionen mit deren Meinung angegriffen.

Aber gerade das humane Sterben beschäftigt viele verantwortungsvolle Menschen. Jede Meinung sollte also akzeptiert werden.

Warum muß der letzte Wille eines Menschen erst nach seinem Ableben erfüllt - und warum kann er nicht schon zu Lebzeiten akzeptiert werden?

Wie ein Testament im Bewusstsein der geistigen Fähigkeiten gefasst wird, so sollte der letzte Schritt auch im vollen Bewusstsein gesetzmäßig dokumentiert und erfüllt werden können.

Ich wünsche mir noch viele Jahre auf dieser Erde zu verweilen, denn ich lebe gerne. Mein stiller Wunsch, irgendwann zufrieden einschlafen, deckt sich mit dem der meisten Menschen.

Wenn ich jedoch irgendwann gefüttert und gewindelt werden sollte, nur weil ich selbst nicht mehr fähig bin für mich zu sorgen, so ist dieser Zustand für mich unerträglich, und ich möchte diese Tätigkeit niemandem zumuten. Stattdessen wünsche ich mir, daß der § 216 STGB dahingehend geändert, und die Tür zur aktiven Sterbehilfe geöffnet worden ist.


Schon heute dankt Dir, lieber Sterbehelfer, Herbert Jerrentrup sen
.

 

 

Der nebenstehende Artikel stand nun am 26. 10. 2006 in der Bergedorfer Zeitung, und er macht wieder deutlich, daß es nicht nur ein Deutsches Thema ist, nein, in Frankreich herrscht offensichtlich die gleiche Probematik.

Da hat sich eine Mutter 42 Jahre liebevoll um ihre blinde und halbseitig gelähmteTochter gekümmert. Bis die Mutter 80 Jahre alt geworden ist, hatte ihre Kraft gereicht.

Viele Menschen werden gar nicht 80 Jahre, aber wie alt sollte die Mutter noch werden, damit sie ihrer Tochter helfen konnte.

Mit welcher Pflegestufe wäre die Tochter in irgendein Heim gekommen, und welche Pflege hätte sie dort erhalten?

Die Personalknappheit, gerade im Pflegebereich, läßt eine angemessene und liebevolle Pflege einfach nicht zu. Da werden Stunden oder nur Minuten vorgegeben, und der zu Pflegende darf sich seinen Rücken wundliegen.

Zwischen Theorie und Praxis liegen Welten, und Geld ist angeblich nicht vorhanden.

 

Es wird höchste Zeit, daß wir unseren Politikern klar machen, daß dieses Thema endlich gesetzmäßig vernünftig festgeschrieben wird.

"Aber wo sollen wir anfangen?" wurde ich kürzlich in Bergedorf gefragt.

Jeder hat das Recht, sich zeitig mit seinem Ableben gedanklich zu beschäftigen. Er kann natürlich auch gedankenlos nichts tun und darf dann mitunter jahrelang nur noch da liegen und an die Decke starren.

Ist ein solcher Zustand lebenswert? Für mich nicht.

Da gibt es doch in Holland oder in der Schweiz Möglichkeiten, wenn es so weit ist.

Warum willst Du für teures Geld erst in ein anderes Land fahren, zumal Du dann gar nicht mehr in der Lage sein wirst, vernünftige Entscheidungen für Dich in die Wege zu leiten. Dein Schiksal hat Dich ereilt...

Wenn Du Dich nicht um Deine Situation gekümmert hast, kümmert sich der Staat um Dich, und dann bist Du wirklich verlassen.

Im Siechenheim (ein altdeutscher Ausdruck) heute heißt es Alten- oder Seniorenheim oder auch Pflegeheim je nachdem wie Dein Zustand und Deine Finanzlage ist, wirst Du irgendwo untergebracht.

Wir haben in Deutschland doch Pflegestufen und in jeder dieser Stufe bekommst Du Dein Frühstück, Du bekommst Dein Mittagessen und abends bekommst Du Dein Abendessen.

Ist Dir hier etwas aufgefallen?

Eine 94jährige Dame aus Halle, die dort seit 3 Wochen in einem Altenheim lebt, hat mir am Telefon erzählt:

1. "Herbert, es geht mir gut, und an meiner Blindheit ist nichts zu ändern."

2. "Wenn du mich fragst, wie es mir hier im Heim geht, so bin ich ebenso einsam wie in meiner Wohnung, denn ich bin in der ersten Pflegestufe."

An dieser Situation ist nicht das Pflegepersonal Schuld. Nein, gesetztmäßig ist doch alles geregelt, und die 94jährige kann sich weiter in Gedanken versunken blind über den Flur tasten, um irgendeine Mahlzeit einzunehmen oder in ihrem Zimmer zu warten bis das Telefon wieder klingelt und der da aus Hamburg wieder anruft...

3. "Herbert, du vergißt mich doch nicht, du rufst doch wieder an."

Ist das irgendwann auch Dein Hilferuf? Oder gefällt Dir die gesetzmäßig vergessene Menschlichkeit?

 

 

Tangermünde 9. Nov. 2006

Eine traurige Situation


und ein großes Lob an das Pflegepersonal

 


Im Juli 2005 veröffentlichte die Volksstimme meinen Artikel „Tangermünder Freundschaft hört auch bei Demenz nicht auf“, und so betrat ich auch bei meinem letzten Tangermünde-Besuch das Altenheim in der Heerener Straße. Auf dem Flur wurde das Mittagessen in die Zimmer verteilt, und ich durfte meinen Besuch wahrnehmen.
Mein Herz wurde mir schwer, als ich die einst stattliche Tangermünderin, so akkurat, wie sie in ihrer aktiven Zeit gewesen ist, nun erneut im Bett liegen sah. Ihr Blick war an die Decke gerichtet, und ich erzählte ihr von unseren Begegnungen in Tangermünde. Ich ging mit ihr erzählend gedanklich durch die Hünerdorfer Str. bis zum Elbpark, wo wir vor gut zehn Jahren, über die Elbe blickend bei Kaffee und Kuchen erzählten, bis sie plötzlich meinte: „Das verstehe ich nicht, daß ich Ihnen mein ganzes Leben erzähle, wo ich sie doch gar nicht kenne.“
Unser gegenseitiges Vertrauen war einfach da, und es vertiefte sich über die Jahre bei jedem unverhofften Zusammentreffen in Tangermünde immer mehr.
Sie sah mich an, und wollte mir etwas erzählen, doch mehr als ein krampfhaftes Bemühen ihrer Zunge kam aus ihrem geöffneten Mund nicht heraus. Deshalb erzählte ich einfach weiter, und weil mir mein Mund trocken geworden ist, nahm ich ihr bereit stehendes Getränk in dem Schnabelbecher und gab ihr zu trinken, denn sie kann nichts mehr alleine. Ich diesem Moment wurde die Tür geöffnet und das Mittagessen herein gebracht.
Der Schnabelbecher war leer, der Mittagsbrei stand neben mir, und wir beide waren wieder allein im Zimmer. Nur die Musik aus dem Radio begleitete ihre Gedanken und meine Worte.
Essen und reden passt nicht zusammen, und so schwieg ich, während ich den Löffel vom Rand her füllte, und mich mit Essen reichend, nützlich machte.
Aber 3 Kinder oder 5 Enkel auf dem Schoß zu füttern ist einfacher als die ungeübte Handhabung im Stehen. Ich war innerlich erleichtert, als wenig später die Tür erneut geöffnet worden ist, und die freundliche Schwester Cyndi mich abgelöst hatte. Während ich meine kurze Tätigkeit mit einer 3 benoten würde, hatte die nette Schwester Cyndi eine glatte 1 verdient.
Dann trug sie Uhrzeit Getränke, Mahlzeit und Tablette gewissenhaft in eine Liste ein, und ich konnte mit meinem Erzählen fortfahren. Trotz meines munteren Erzählens wurde mein Herz immer bedrückter.
Ich verabschiedete mich und ging nachdenklich weiter. „Wie werde ich einmal sterben?“ stellte ich mir die Frage, die sich übrigens in sehr vielen meiner Gespräche mit immer neuen älteren oder auch jüngeren Gesprächspartnern stellt.
Der Tod ist die einzige Gerechtigkeit auf unserer Erde, aber der Weg dorthin ist viel zu oft nicht wünschenswert.
Wünschenswert hingegen ist ein Umdenken zu diesem Thema. Das humane Sterben oder die Sterbehilfe muss unabhängig der finanziellen Entscheidungen gesetzlich geregelt werden. Wie jedes Testament nach dem Ableben erfüllt wird, so muss es jedem verantwortungsbewussten Menschen freigestellt werden, sein Leben unter bestimmten Voraussetzungen beispielsweise mit einem Schlaftrunk zu beenden.
Wenn ich mir ein relativ gesundes langes Leben wünsche, so begegne ich vielen Menschen mit den gleichen Gedanken. Ich begegne ihnen auch bei dem Gedanken, daß humanes Sterbens oder die Sterbehilfe auch in Deutschland gesetzmäßig wird.

Politiker entscheiden leider immer wieder gegen den Volkeswillen, und Ärzte und Pflegestationen sind auch leider mehr auf ein wachsendes Eurokonto bedacht, als dem hilflosen Betroffenen seinen letzten Wunsch bezüglich des Ablebens zu erfüllen.

Herbert Jerrentrup sen.

 

..................................................................................................................................Tangermünde Juli 2005



 

Selbst ein Gericht erkennt falsche Rechtslage

 

Und wieder war ein Ehepaar verzweifelt. Niemand hatte richtig helfen können, weil die Deutsche Rechtslage es nicht hergegeben hat. Mehr als starkes schmerzstillendes Morphium vermochte der Hausarzt, der seit 40 Jahren leidenden Frau, nicht zu geben, obwohl er die Aussichtslosigkeit ihrer Heilung klar erkannt hatte.

In 52 Ehejahren kennen sich Mann und Frau, jeder möchte dem anderen helfen, und jeder wünscht sich die Hilfe des Partners. Beide lieben sich und wissen nicht mehr ein noch aus, bis irgendwann die stillen Hilferufe so laut und nicht mehr zu überhören sind.

Der 78jährige erfüllt seiner leidenden 76jährigen Partnerin aus Liebe den letzten Wunsch und wird dann als unbescholtener Bürger vor Gericht zitiert.

Armes Deutschland...

Politiker ändert endlich diese Rechtslage...

Herbert Jerrentrup sen.

Bergedorfer Zeitung 30. 11. 2006

 

 

 

Vielleicht hast Du noch Denkanstöße, oder auch eine andere Meinung, die ich mit einbringen kann.

Auf jeden Fall folgen Fortsetzungen...

Herbert Jerrentrup sen. Hamburg

 

nach der Gesetzesänderung 1. Sept. 2009