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(Jugoslawische Gefangenschaft bis 10. Okt. 1951)

Niedergeschrieben 14. Oktober 1951.

Lesbar abgeschrieben 30. April 1995

vom ältesten Sohn des Gepeinigten

Herbert Jerrentrup

 

Die Mühle von Vrsac

 

Auf dem Rücken waren die Hände gebunden.

Ich stand zitternd vor Kälte in einem Verschlag.

Es dehnten sich endlos die schleichenden Stunden.

Ewig die Nacht bis zum kommenden Tag.

 

Weil die Glieder verklammt, übermüdet schon waren,

summierten die Nerven unsägliche Pein.

Kein Schutz, sich vor dem Winde zu wahren,

und war doch der Boden ein eisiger Stein.

 

Fernes Licht fiel durch Ritzen der Schalung,

trüb nur erhellend die Enge der Haft.

Huschende Schatten durchquerten die Strahlung

als lang schon vertraute, doch ekle Gesellschaft.

 

Da - Geräusch! Der Schergen rascher Schritt!

Schon wurde am Riegel geschlossen!

"Jebemti, svabo," mich traf ein Tritt,

"Wieviel Du, svabo, Partisanen erschossen?"

 

Eine Faust fuhr vor und traf das Gesicht.

Hart schlug der Kopf am Boden auf.

"Herr gib mir Kraft, verlasse mich nicht!"

Ich fand mich allein, doch nicht im Schicksalslauf.

 

Verhöre folgten bei Tag und bei Nacht.

Ich zeigte mich stolz, zum Leiden entschlossen,

denn laufend erneut ward die Frage gebracht:

"Wieviel Du, svabo, Partisanen erschossen?"

 

Daß ich im Kerker zwei Jahre schon saß,

ohne nur einmal den Himmel zu sehen,

daß man keinen Beweis einer Schuld besaß,

blieb unbeachtet. Ich sollte "gestehen"!

 

"Gestehen", daß ich gemordet hätte,

wehrlose Frauen, Kinder und Greise,

daß ich gebrandschatzt die wohnliche Stätte,

das sollt` ich "bekennen", denn es fehlten Beweise!

 

Ich war ein Gefolgsmann der grauen Millionen

und habe, weiß Gott, mein Bestes gegeben!

Ich kannte kein Hüten, kein Kräfte schonen.

Dem Siege Deutschlands gehörte mein Streben.

 

Nie hab` ich den Schergen Jugoslawiens verhehlt,

daß ich im Kriege ihr Gegner gewesen.

Wie sie zu den Feinden Deutschlands gezählt,

bis nicht das Ende des Ringens verlesen.

 

Dort geschah, wie ich erzählend begonnen.

Es wurde getreten und krumm geschlossen,

fragend gepeitscht bis das Blut geronnen:

"Wieviel Du, svabo, Partisanen erschossen?"

 

Wie "Caroline" ihre Martern beschrieben,

ward grausam gefesselt , in`s Wasser gestellt,

Splitter und Nadeln unter Nägel getrieben,

oder der Körper unmenschlich geprellt.

 

Oder zum Stehen gezwungen auf einem Bein,

schmerzhaft gebunden an Fuß und Hand;

hungernd und nackt im Eiskeller sein,

war der Inhalt des Kelches gefüllt bis zum Rand.

 

Zwölf lange Tage, schier endlose Nächte,

hab` ich den Herrn der Welt angefleht,

daß er mir Kraft und Ausdauer brächte,

damit das Herz die Qual übersteht.

 

Und doch kam die Stunde bitterster Schmach,

in welcher ich glaubte, vor Schmerz zu vergehen,

wo die Vernunft den Widerstand brach,

und ich Dinge "gestand", die niemals geschehen.

 

Am Geburtstag meines ältesten Jungen

packten mich Knechte hart am Genick.

Sie haben mich fort zur Richtstatt gezwungen,

dort hing vom Balken ein hanfener Strick.

 

Noch einmal wurde ich angesprochen,

um mir die letzte Chance zu geben.

Ich spürte des Herzens stürmisches Pochen,

aber ich schwieg, schloß ab mit dem Leben.

 

Man stieß mich nach vorn, den Block zu ersteigen,

ich stellte mich auf, stand unbewegt.

Ja, ich vermochte ein Lächeln zu zeigen.

Der Strick ward nicht um den Hals gelegt.

 

Man hat ihn rückwärts an die Fessel gebunden.

Mir ahnte, was sich ereignen werde.

Die Arme wurden nach oben gewunden,

ein Stoß - und ich hing zwischen Himmel und Erde!

 

Wahnsinn`ger Schmerz in Schultern und Händen,

als trennten sich Rumpf und die Glieder.

Die Hose riß man herab von den Lenden

und peitschte mit Riemen wieder und wieder!

 

Unter den Hieben zerplatzte die Haut,

doch brutal wurde weitergeschlagen.

Da gab ich schließlich bekennenden Laut,

denn die Sinne wollten versagen.

 

Als mich dann endlich die Herren Genossen

aus der furchtbaren Folter genommen,

hatte auch ich Partisanen erschossen,

welche mir nie vor das Antlitz gekommen.

 

Zu Opfern dieser Mühle von Vrsac

haben hunderte Deutscher, Gott weiß es, gezählt,

doch achtundfünfzig blieben am Platz,

von der Bestie Mensch zu Tode gequält.

 

Sie hatten getrotzt, schon völlig verharmt,

einer härteren Pein als ich sie erfahren,

bis sich der Herrgott ihrer erbarmt,

ihnen weiteres Leid zu ersparen.

 

Wer zur Urgicht ward bezwungen,

galt als Kriegsverbrecher überführt.

Ihm ward ein Urteil aufgezwungen,

welches allein diesen Richtern gebührt!

 

Dieses Regime, nicht das Volk maßte sich an,

auf Deutschland mit Fingern zu zeigen,

tat deutsche Männer in Acht und Bann

und machte sich ihre Schuld selber zu eigen!

 

Es scheute sich nicht, Gefangene zu schinden,

die Soldaten, die nichts als solche waren,

um deutsche Wirtschaft vertraglich zu binden,

mit Menschen zu handeln, als wären es Waren.

 

Diese dort herrschende Minderheit

kennt nichts als Intrige und rohe Gewalt.

Sie macht zum Bestand ihrer Sicherheit

vor nichts und niemandem Halt.

 

Welch` prächtige Menschen fanden wir doch

bei Kroaten, Slowenen und Serben?

Sie leiden und schmachten in diesem Joch

und müssen in ihm schließlich sterben.

 

Und unsere volksdeutschen Brüder und Schwestern,

die ach, so hart geprüft worden sind,

im Kampf um das Deutschland von gestern,

sind sie nicht auch deutscher Mütter Kind?

 

Kameraden, die wie der Teufel uns erwehrten,

der Vernichtung im Vrsac Höllenwind,

vergessen wir nicht die vielen Gefährten,

welche Opfer dieses Regimes sind!

 

Die Stunde ist da, damit sich die Pflicht,

die so lang` schon beschworene endlich erfüllt!

Entzündet die Fackeln zum flammenden Licht

und zeiget die Wahrheit - völlig enthüllt!

 
 
Ein Mahnmal auf dem Friedhof Hamburg-Bergedorf
Gefangener hinter Stacheldraht